Burnout-Prophylaxe - ein anderer Ansatz

 

Von „Burnout“ sind häufig Menschen betroffen, die einen grossen Einsatz leisten und sich in besonderer Weise verantwortlich fühlen - meist nicht nur in ihrer beruflichen Aufgabe, sondern auch im privaten Leben. Sie wollen alles besonders gut machen und allen Ansprüchen gerecht werden.

Viele von ihnen fühlen sich in ihrer Arbeitssituation gefangen, stecken in Sachzwängen und sehen keine Möglichkeit etwas zu verändern. Kommen dann noch Stress, schlechtes Gewissen, Missachtung der eigenen Bedürfnisse und Sinnkrisen hinzu, kann das zum Burnout führen. Wer ein Burnout entwickelt, fühlt sich vollkommen erschöpft, erlebt alle Anforderungen als Qual, zieht sich zurück, sieht keinen Sinn mehr, wird vielleicht zynisch und erlebt gleichzeitig einen enormen inneren Druck, etwas ändern zu müssen.

 

Thesen zur Entstehung und zur Prophylaxe von „Burnout“:

  1. Ob einen etwas erschöpft und runterzieht, ist nicht einfach von einer äusseren Situation abhängig. Diese wirkt nicht automatisch. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Anforderungen, Druck und Erwartungen. Entscheidend ist, wie man mit den Belastungen, die in einer Lebens- oder Arbeitssituation auftauchen, umgeht. Es macht einen Unterschied, wie man auf die „Einladungen“ durch äussere und innere Ansprüche antwortet.
  2. Was wirklich erschöpft, ist der Kampf mit sich selbst. Da sind zuerst die eigenen Ansprüche, denen man gerecht werden will. Wenn das nicht gelingt, kommt es zu Selbstvorwürfen. Und innere Antreiber machen einem Druck.
  3. Auf Belastungen und Anforderungen reagiert man zu einem grossen Teil unwillkürlich. Die Reaktionen sind nicht das Resultat von bewussten Entscheidungen, sondern von geschehen quasi „automatisch“.
  4. Entscheidend ist für die Verhinderung von Burnout, dass man mit diesen unwillkürlichen Reaktionen, die von tief verankerten Werthaltungen gesteuert werden, in wertschätzender und zieldienlicher Weise umgeht.
  5. Wenn ein Sinn vorhanden ist, der über einen hinausweist, kann man viel bewältigen - und wird dabei sogar gestärkt.

Der Irrtum der Ratgeber-Literatur

Viele Ratschläge zur Vermeidung von Burnout zielen darauf ab, dass man sein Zeitmanagement in Griff bekommt und dass man sich Zeit zur Entspannung nimmt. Stichworte sind z.B. wie „priorisieren“, „sich abgrenzen“, „loslassen“.

Das sind ja an sich durchaus wertvolle Ansätze und Überlegungen - nur: sie wirken ausgerechnet bei Menschen, die Burnout-gefährdet sind, kaum positiv. Und dies aus drei Gründen:

  1. Aus der neueren Hirnforschung weiss man, dass kognitive Erkenntnisse viel weniger wirksam sind als die unwillkürlich in uns ablaufenden Prozesse. Wenn in jemandem der innere Antreiber wirkt, alles perfekt machen zu müssen - dann richtet die gutgemeinte Aufforderung, doch fünfe gerade sein zu lassen, nicht viel aus.
  2. Die Aufforderung, Prioritäten zu setzen und sich abzugrenzen, schafft im Gegenteil zusätzlichen Druck. Neben allen andern Aufgaben, muss man jetzt auch noch sein Leben optimal managen. Und wenn man es nicht in den Griff kriegt, dann ist man ein Versager. Die guten Ratschläge werden zur Quelle von neuen Selbstvorwürfen.
  3. Schliesslich werden - und das ist das Wichtigste - die Werte, die hinter dem Verhalten stehen, alles gut machen zu wollen und für alles Verantwortung zu übernehmen, nicht gewürdigt, wenn man jemanden einfach auffordert, sich abzugrenzen.

 

„Burnout als Kompetenz“ - der etwas andere Ansatz:

​Dr. Gunther Schmidt, bei dem ich die Ausbildung in hypnosystemischem Coaching und Organisationsberatung absolviert habe, hat äusserst wohltuende Modelle und Interventionen für die Prophylaxe und die Behandlung von „Burnout“. entwickelt Diese werden auch in der von ihm aufgebauten und geleiteten Klinik „Systelios“ in der Nähe von Heidelberg eingesetzt.

 

Ich skizziere einige Aspekte dieses Ansatzes, den ich in meiner Beratung einsetze:

  • Menschen, die ein Burnout entwickeln, werten sich selbst massiv ab, fühlen sich als Versager und sind mit kränkenden Kommentaren wie „Der ist nicht mehr belastbar. Der kriegt seine Arbeit nicht mehr auf die Reihe“ konfrontiert. Dieser Selbst- und Fremdabwertung ist mit einem ressourcenorientierten Verständnis entgegenzuwirken. Dass jemand Anzeichen eines Burnouts zeigt, kann nämlich als ein Ausdruck von Kompetenz gesehen werden. Der Organismus reagiert auf eine als unerträglich empfundene Situation mit Erschöpfung, Schwäche, Antriebslosigkeit. Diese Symptome gehören zu einem kompetenten Rückmeldesystem, das ähnlich wie eine Warnblinkanlage auf eine Gefahr hinweist und signalisiert: „So kannst Du nicht weitermachen“.
  • Es ist gut, Burnout-Betroffenen zu sagen: „Nicht Sie haben versagt, sondern etwas in Ihnen hat sich versagt, aus sehr guten Gründen, um Ihre Gesundheit zu erhalten. Sie haben nur die wertvollen Informationen, die Ihr Körper sendet, noch nicht beachtet, aber wenn Sie das jetzt tun, kann eine neue Balance entstehen.“  Typischerweise gibt es mindestens zwei innere Fraktionen, die sich bekämpfen. Eine Seite sagt: „Eigentlich macht das alles so schon lange keinen Sinn mehr, ich bin müde und kraftlos, schleppe mich nur noch zur Arbeit, ich habe gar keine Freizeit mehr, ich müsste dringend etwas ändern.“ Doch eine andere, pflichtbewusste Seite protestiert und fordert gnadenlos: „Das geht nicht, du musst weitermachen!“ So beginnt ein zermürbender innerer Ambivalenz-Streit, der auf Dauer erschöpft.  Wichtig ist, diese Zerrissenheit und die daraus resultierende Erschöpfung nicht als Schwäche abzutun, sondern sie zu übersetzen als wertvolle Kompetenz. Diesen Menschen muss gesagt werden: Ihr kluger Organismus schickt kompetente Rückmeldungen und sagt Ihnen, dass er im Umgang mit dieser Zwickmühle von Ihnen etwas Anderes braucht und dass es intuitiv keinen Sinn mehr macht, ihre Situation auf diese Weise anzugehen.
  • Ganz wichtig ist auch, dass die Werte, welche hinter dem Verhalten von jemandem stehen, gewürdigt und wertgeschätzt werden - und man der Person selber einen wertschätzenden Blick darauf eröffnet. Dass jemand im Geschäft alles perfekt erledigen will, sich sehr bemüht, ein guter Ehemann und Vater zu sein, und auch noch etwas für die eigene Gesundheit tun möchte - das sind wertvolle Kompetenzen, die das hohe Engagement der Betroffenen widerspiegeln. Typisch ist, dass diese Menschen, wenn sie erleben, nicht allem gerecht werden zu können, ihre Anstrengungen verdoppeln. Ihre perfektionistischer „Antreiber“, der sich für sehr gute Ergebnisse einsetzt, wird angestachelt. Sie steigern ihren Arbeitseinsatz, vergessen Pausen, machen Überstunden, überhören die Signale ihres Körpers, vernachlässigen Familie und Freunde, beuten sich gewissermaßen selbst aus. In unserer Gesellschaft gibt es viele, die sagen, schön blöd, wenn sich jemand so verausgabt zu wenig an sich denkt. Ich finde jedoch dass dieses Engagement das aus Loyalität t und Solidarität heraus entsteht, gewürdigt werden sollte. Es ist doch etwas Positives, wenn Menschen nicht nur an ihren eigenen Vorteil denken, sondern auch Verantwortung für andere und für höhere Ziele übernehmen. Gebende Beziehungen sind extrem wichtig für eine funktionierende Gesellschaft und das persönliche Wohlergehen. Entscheidend ist, wieder in Balance zu kommen.
  • Bei alledem soll nicht nur die individuelle, intrapsychische Dynamik in den Blick genommen werden, sondern auch die Organisationsdynamik am Arbeitsplatz. Man entwickelt nicht einfacher losgelöst als Individuum ein Burnout. Dazu gehören auch entsprechende Situationsbedingungen. Eine hohe Arbeitsbelastung ist nicht per se ein Problem. Gefährlich wird es, wenn die eigenen Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten kleiner werden und die verfügbaren Ressourcen nicht ausreichen, die Arbeit zu bewältigen. Wenn jemand in einem Burnout landet, ist das nicht nur ein individuelles Problem. Die Erkrankung weist auch auf notwendige Veränderungen in der Organisation hin.
  • Oft wird den Leuten geraten, sie sollen sich entspannen. Das ist kontraproduktiv, denn Sie wollen Ihre Zwickmühle lösen. Vorher können Sie sich nicht entspannen. Wie soll jemand, der einen massiven inneren Konflikt hat, sich entspannen. Der vielleicht gut gemeinte Rat: „Jetzt entspannt dich doch mal!“ produziert zusätzlichen Druck, weil Entspannung in dieser Situation gar nicht möglich ist. Menschen, die Burnout-gefährdet sind, haben alles über Stress- und Zeitmanagement gelesen, scheitern jedoch an der Umsetzung, weil die unwillkürlichen Bedürfnisse dadurch nicht beruhigt werden. Erst wenn die grundsätzlichen Zwickmühlen aufgelöst sind, wenn ein neuer stimmiger Sinn entwickelt werden kann, hat dies entscheidende innere Beruhigung und Erleichterung zur Folge. Sofort entsteht ein Gefühl von Würde, und aus diesem Erleben von Würde entwickelt sich interessanterweise erst die Kraft, die man für den Umgang mit den Herausforderungen und für den optimalen Umgang mit den Zwickmühlen in der Organisation braucht.

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Fricker Soft Skills

Markus Fricker