Zahlungsverkehr

Mobile Bezahl-Apps als Zukunftsmodell? Zahlungssysteme im Wandel

 

 

Unter dem Stichwort Fintech (Kurzform für Financial Services und Technology) erlebt die Finanzindustrie weltweit einen Innovationsschub, der sich auch am Zahlungsverkehr bemerkbar macht. Die digitale Beschleunigung sowie die ständig zunehmende Mobilität von technologischen Applikationen - sogenannten Apps - beeinflusst hier nicht nur die Erwartungen der Kunden an Zahlungsdienstleistungen, sondern auch den Markt dafür. Dem Zeitgeist entsprechend sollen diese überall und jederzeit verfügbar, schnell abrufbar und an Kundenwünsche angepasst sein. Die Bereitschaft der Kunden hierfür zu zahlen nimmt jedoch tendenziell ab.

 

Die neuen Angebote im Fintech-Bereich werden zudem immer häufiger nicht von Banken und der eigentlichen Finanzindustrie, sondern externen Technologieanbietern entwickelt. Ein erfolgreiches Beispiel hierfür ist Apple Pay. Als Globalplayer verfügt Apple für den Ausbau von neuen Anwendungen im Fintech-Markt sowohl die finanziellen, als auch technologischen Möglichkeiten und kann so weltweite Standards etablieren. Der Apple Pay-User benötigt zum Zahlungstransfer dann nur noch einen Spezial-Chip mit den Kreditkartendaten im Smartphone, aber keine Bankverbindung. Auch das Bezahlen in Apps - ob Taxifahrt, Pizza oder ein neues Paar Schuhe - kann in Form eines Fingerabdrucks und einer einmaligen Transaktionsnummer auf dem Smartphone durchgeführt werden.

 

Entwicklungen von Bezahl-Apps verlaufen unterschiedlich schnell

Besonders in China ist mobiles Bezahlen bereits üblich und rund eine halbe Milliarde Menschen nutzen Apps für ihren Zahlungsverkehr. Die populäre Messaging-App WeChat Pay ist - neben Alipay, der Zahlungsfunktion des Online-Konzerns Alibaba - Vorreiter in Sachen Zahlungsdienstleistungen. Auch in der Schweiz existieren Apps über welche Zahlungen via Smartphone abgewickelt werden können. Im Vergleich zu China sind diese jedoch noch relativ wenig verbreitet. Beispiele sind hierfür die Smartphone-App Twint oder die Smart-Watch-Software Swatch Bellamy. Zu den zum Teil auch in der Schweiz zugängigen Angeboten gehören Apps der grossen Smartphone-Anbieter wie Samsung Pay, Android Pay oder das bereits genannte Apple Pay.

 

China als Vorreiter

Wissenschaftler vermuten jedoch, dass sich in den nächsten Jahren keine Zahlungssysteme in Form von Smartphone-Applikationen in kleinen und entwickelten Ländern wie Schweden, Dänemark oder der Schweiz durchsetzen werden und die von Banken geführten Online-Zahlungssystemen beständig bleiben. Für grössere Länder wie China oder die USA sei hingegen eine entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten. Besonders der Blick nach China lässt erahnen, wie viel die Schweiz im Fintech-Markt und damit auch im applikationsbasierten Zahlungsverkehr hinterherhinkt. Denn mit aktuell ca. 500 Millionen aktiven Usern sind Angebot und Nachfrage von Fintech-Dienstleistungen in China in den letzten Jahren rasant gestiegen. Damit ist China weltweit das Land mit den meisten Fintech-Nutzern, auch im mobilen Zahlungssystem. Plattformen wie Wallet von WeChat/Tencent - so ähnlich wie Facebook oder WhatsApp - sind dabei besonders beliebt. Anders als Facebook wird WeChat jedoch von unabhängigen Entwicklern mit zusätzlichen Funktionen - wie auch dem mobilem Zahlungsverkehr - erweitert. Ein Grossteil des Zahlungsverkehrs findet so bereits ausserhalb der Bankensysteme statt.

 

Was unterscheidet den chinesischen vom Schweizer Markt?

Ein zentraler Grund für die rasche Entwicklung in China ist im Kontrast zur Schweiz die Grösse des Zahlungsverkehrsmarktes. So rentieren sich Investitionen in Applikationen in China vergleichsweise viel mehr und schneller. Dazu kommt, dass Smartphones in China nicht nur verbreiteter sind, sondern insgesamt auch weniger PC's existieren. Während also in der Schweiz nach wie vor viele Zahlungen über computergestützte Bankplattformen getätigt werden, verlief der Wechsel für viele chinesische Nutzer häufig direkt vom analogen Barzahlungsverkehr zur digitalen Zahlung per Smartphone. Ein weiterer Grund für die positive Annahme der Bezahl-Apps in China ist ihre - im Gegensatz zu vielen elektronischen Zahlungsverkehrssystemen der ansässigen Banken - Benutzerfreundlichkeit und einfache Handhabung. Der Wandel des Bezahlsystems erscheint so auch für ältere Nutzer attraktiv. Hinzu kommt, dass Kreditkarten in China im Vergleich zu westlichen Kontexten weniger verbreitet sind und die Nutzung mit Zusatzangeboten sowie vielen Einsatzmöglichkeiten auf Kundenbedürfnisse angepasst wird. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Unterschied ist das grundsätzliche Misstrauen gegenüber Finanzdienstleistern, das in China deutlich grösser ist als in der Schweiz. Während in China das Vertrauen in Maschinen beziehungsweise Apps als tendenziell höher eingestuft wird, überwiegt in der Schweiz die Angst vor Datenraub und Verlusten. Das Vertrauen in Schweizer Bankinstitute und ihre Mitarbeiter ist hingegen relativ hoch.

 

In Zukunft mit dem Smartphone auf dem Markt zahlen?

Auch der Zahlungsverkehr in der Schweiz hat sich verändert. Das Postchecksystem löste die Barzahlung bereits vor über hundert Jahren ab und hat den Zahlungsverkehr in der Schweiz lange geprägt. Erst dann wurde es langsam vom digitalen Zahlungsverkehr der Finanzindustrie - den Internetplattformen der Banken - abgelöst. Es ist also anzunehmen, dass sich auch in der Schweiz heutige Zahlungssysteme weiterentwickeln werden und sich verändern. So haben sich beispielsweise die fünf grossen Player PostFinance, UBS, Credit Suisse, ZKB und Swisscom zusammengeschlossen und die App Twint entwickelt, zu der bereits eine Vielzahl an Schweizer Banken beigetreten sind. Von einer Monopolstellung ist dennoch keine Rede. Twint steht in Konkurrenz mit acht weiteren mobilen Zahlungssystemen. In Zukunft werden den Konsumenten vermutlich einige weitere, mobile Zahlungssysteme zur Verfügung stehen. Ob diese jedoch schnell angenommen und Zahlungen bald ausschliesslich über Smartphones getätigt werden, bleibt fraglich. Das Gemüse auf dem Markt muss vermutlich auch noch die nächsten Jahre mit Bargeld bezahlt werden.